{"id":60,"count":15,"description":"Als Prinzip bezeichnen wir mit Thomas das, woraus etwas auf irgendeine Weise hervorgeht (id a quo aliquid procedit quocumque modo). Es kann sich dabei um ein Hervorgehen dem Sein nach oder dem Erkennen nach bzw. um ein reales oder ein erkenntnism\u00e4ssiges Hervorgehen handeln. Im ersten Fall haben wir es mit einem Seinsprinzip (Realprinzip), im zweiten mit einem Erkenntnisprinzip zu tun. Die Seinsprinzipien oder metaphysischen Prinzipien, von denen hier die Rede ist, sind formell nicht Seins- sondern Erkenntnisprinzipien. Trotzdem nennt man sie analog Seins- oder metaphysische Prinzipien, weil sie sich unmittelbar aus den obersten Begriffen des Seins und des Nichtseins ergeben.\r\n\r\nIn neuerer Zeit pflegt man allgemein vier solche Prinzipien anzuf\u00fchren:\r\n\r\n1. Das Kontradiktionsprinzip (principium contradictionis)\r\n\r\nDas Kontradiktionsprinzip steht an erster Stelle. Sobald der Verstand die Begriffe des Seins und des Nichtseins erworben hat und sie miteinander vergleicht, leuchtet ihm das Verh\u00e4ltnis des Gegensatzes oder des Widerspruchs ein, das zwischen ihnen besteht. Das ist der Inhalt des Kontradiktionsprinzips, welches sich so ausdr\u00fccken l\u00e4sst: Das Gleiche kann unter demselben Gesichtspunkt nicht zugleich sein und nicht sein. Thomas sagt: \u00abIllud quod primo cadit in apprehensione est ens, cuius intellectus includitur in omnibus quaecumque quis apprehendit. Et ideo primum principium indemonstrabile est quod non est simul affirmare et negare, quod fundatur supra rationem entis et non entis: et super hoc principio omnia alia fundantur\u00bb (STh I-lI, q. 94, art. 2 c.).\r\n\r\nDas Kontradiktionsprinzip wie auch die anderen obersten Prinzipien sind unmittelbare analytische Urteile - also Urteile, in denen das Verh\u00e4ltnis von Subjekt und Pr\u00e4dikat sich direkt bzw. ohne Beweisf\u00fchrung allein aus der Analyse des Subjektes ergibt -, die jedermann durch sich einleuchten. Sie m\u00fcssen daher nicht bewiesen werden, und sie k\u00f6nnen auch nicht direkt bewiesen werden, sondern nur indirekt, indem man die Absurdit\u00e4t des Gegenteils aufzeigt.\r\n\r\n2. Das Identit\u00e4tsprinzip (principium identitatis)\r\n\r\nDas Identit\u00e4tsprinzip lautet: Jedes Seiende ist das, was es ist. Dieses Urteil ist nicht tautologisch, denn es dr\u00fcckt die Einheit jedes Seienden aus. Aufgrund dieser Einheit ist das Sein eben Sein, der Mensch Mensch, das Tier Tier usw. Das Sein und die Einheit sind zwar real identisch. Doch f\u00fcgt die Einheit in unserem Denken zum Sein einen besonderen Gesichtspunkt hinzu.\r\n\r\n3. Das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten (principium exclusi tertii)\r\n\r\nZwischen dem Sein und dem Nichtsein gibt es kein Drittes, kein Mittleres. Dieses Prinzip wurzelt im Kontradiktionsprinzip. Es besagt im Grund das gleiche wie das Kontradiktionsprinzip und stellt nur eine andere Formulierung desselben Sachverhaltes dar.\r\n\r\n4. Das Prinzip des hinreichenden Grundes (principium rationis sufficientis)\r\n\r\nSeit Leibniz wird auch das Prinzip des hinreichenden Grundes zu den obersten Prinzipien oder Axiomen gerechnet: Nichts ist ohne hinreichenden Grund. Positiv ausgedr\u00fcckt besagt dieses Prinzip, dass jedes Seiende einen Seinsgrund haben muss, das heisst einen Grund, um dessentwillen es ist und nicht nicht ist. Das ist leicht einzusehen. Bes\u00e4sse n\u00e4mlich irgendein Seiendes keinen Seinsgrund, so w\u00fcrde es sich vom Nichts nicht unterscheiden, denn es ist dem Nichts eigen, keinen Seinsgrund zu haben, da es ja dem Sein entgegengesetzt ist. Der hinreichende Grund f\u00fcr die Existenz eines Dinges kann in diesem selbst oder in einem anderen liegen. Das unendliche Sein, Gott, hat ihn in sich. Das endliche Sein besitzt ihn ausserhalb von sich, n\u00e4mlich in einer Ursache.\r\n\r\nDas Prinzip des hinreichenden Grundes ist in seiner allgemeinen Formulierung ein transzendentales Prinzip. In seiner Anwendung auf das endliche Sein wird es zum Kausalit\u00e4tsprinzip (Alles, was entsteht\/wird, hat eine Ursache - omne quod fit, habet causam), und dieses ist nicht mehr transzendental, da es sich nur auf das endliche Sein bezieht.\r\n\r\nGion Darms: Von der Philosophie f\u00fcrs Leben lernen. Peter Steinegger, Carl J. Wiget, Stefan Pfyl, Franz Xaver von Weber, 2012, S. 162-163.\r\n","link":"https:\/\/ifit.ch\/?tag=seinsprinzipien","name":"Seinsprinzipien","slug":"seinsprinzipien","taxonomy":"post_tag","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ifit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags\/60","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ifit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags"}],"about":[{"href":"https:\/\/ifit.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/taxonomies\/post_tag"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/ifit.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts&tags=60"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}